Altweibersommer
Warum heißt diese Jahreszeit mit den fliegenden Spinnfäden in der Luft, den kühlen Nächten, nebligen Sonnenaufgängen und T-Shirt-Nachmittagen eigentlich so? Vermutlich hat's nicht wirklich was mit alten Weibern zu tun, wobei die glänzenden Spinnweben in der Luft an die Haare von älteren Semestern erinnern könnten.
Im Altdeutschen kommt 'weiben' von 'weben' und da sind wir dann auch wieder bei den Spinnfäden. Es ist nicht wirklich eine Erklärung zu finden, aber es gibt an vielen Orten der Welt Namen für diese besondere Zeitspanne im Jahr. Die Schweizer reden vom „Witwensommerli“, in den USA spricht man vom „Indian Summer“, in Schweden heißt er "Birgitta-Sommer". „Michaelssommer“ gibt es in Spanien und in Japan nennt man ihn „Kleiner Frühling“. Aktuell finde ich Kleiner Frühling nicht ganz unpassend. Nur die Vögel fliegen in die falsche Richtung😉
Auf die Ackerflächen die durch Ausfälle von anderem Gemüse frei geworden sind, haben wir ganz in zweiter Frühlingslaune Rucola, Spinat, Bundzwiebeln und Babyspinat gesät, in der Hoffnung, dass wir sie ans Wachsen bekommen und einen kleinen Teil der Verluste damit ausgleichen können. Endlich wieder was Grünes!
Wir sind mit Hochdruck in den letzten Tagen der Ernte von den wenigen Kartoffeln, die uns das Jahr 2026 beschert hat. 30% eines durchschnittlichen Ertrages und die Qualität ist nicht berauschend. Trotzdem feiern wir Erntedank. In diesem Jahr tatsächlich schon zum 30sten Mal! Das alleine ist schon ein Grund zur Dankbarkeit und für uns ein Wunder.
Erntefeste werden seit Jahrtausenden überall auf der Weltkugel in allen Kulturen auf unterschiedlichste Weisen zelebriert. Gemeinsam haben sie alle die DANKBARKEIT gegenüber der Natur und einem Schöpfer und das Opfern oder Teilen der Erntegaben zur Stärkung des sozialen Bewusstseins der Gemeinschaft. Es geht um eine Haltung und um Werte; Erntedank ist viel tiefer, als nur ein „Dangeschön!“ für die Ernte. Ob die Ernte gut oder mittelprächtig war oder gar ausgefallen ist, spielt eigentlich eine Nebenrolle. Echt jetzt!?!
Unsere Familie betreibt Landwirtschaft und Gemüsebau, weil wir es als unseren Auftrag sehen, die uns zur Verfügung gestellten Ackerflächen nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus so zu bewirtschaften, dass die natürlichen Systeme wiederhergestellt und erhalten bleiben. Wir möchten die Schöpfung schützen, um sie für die Zukunft – für nächste Generationen – zu erhalten. Was in unserer Macht steht, tun wir dafür. Thomas hat 1996 damit begonnen und unser Sohn Philipp ist bereit, diesen Weg mit uns und weiter zu gehen. In Seligenstadt ist dieses Jahr mit Andreas Wolf die nächste „Generation-Birkenhof“ in die Fußstapfen von Hubert Wolf getreten. Wir haben auch aus diesem Grund in den letzten Jahren viel investiert an Kraft, Zeit und letztlich auch Geld, um unsere Betriebe so aufzustellen, dass sie auch zukünftig die Menschen, die hier leben und arbeiten, versorgen können. Ganz allgemein wäre eine weitsichtigere Agrarpolitik mega hilfreich. Planungssicherheit gibt es nicht, obwohl die in jedem Businessplan eingefordert wird. Eine Zwickmühle für jeden, der noch den Mut aufbringt, seinen Betrieb zukunftsfähig zu erhalten.
Das nicht immer alles glatt läuft ist völlig klar und normal. Was uns alltäglich herausfordert, sind die Dinge, die wir nur bedingt oder gar nicht beeinflussen können. Rein gärtnerisch betrachtet war 2026, vor allem wetterbedingt, das ertragsschwächste Jahr für uns in diesen drei Jahrzehnten. Die hohen Kosten an mancherlei Stellen machen es nicht leichter wirtschaftlich zu arbeiten. Nun denn, wir wollen nicht dabei stehen bleiben! Und wir können es auch nicht, denn dann wäre die Geschichte hier zu Ende.
Erntedank bietet zum Glück die Gelegenheit, kurz das Hamsterrad anzuhalten und die Bedeutung von Zusammenhalt und gegenseitiger Unterstützung in unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Yes! Wir erleben, dass immer wieder Menschen zu uns kommen und uns ihre Solidarität und Interesse an unserer Arbeit bekunden. So durfte Thomas letzten Sonntag im Erntedankgottesdienst der Evangelischen Kirche in Seligenstadt einen kleinen Vortrag halten, wie wir das Jahr erlebt haben. Menschen schreiben uns Karten und schicken „Nervennahrung“ oder helfen beim Pflanzen. Diese kleinen Gesten machen Mut und zeigen uns, dass wir nicht allein unterwegs sind. Und wir haben eine ganze Menge toller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kundinnen und Kunden und Partnerbetriebe, die in diesen turbulenten Zeiten besonders viel Mut bewiesen, Kraft aufgebracht und loyal zu uns gehalten haben, und es immer noch tun – obwohl es teilweise ganz schön stürmisch war, erstmal noch bleibt und sicher immer wieder werden wird.
Die jüdischen Erntedank-Traditionen erinnern an die Abhängigkeit des Menschen von der Natur und deren Schöpfer. Wie abhängig wir sind, mussten wir dieses Jahr besonders erleben. Ein langer, extrem heißer Sommer mit nur sehr sparsamen Regenschauern hat viele unserer Gemüsekulturen und ca. 70% unserer Kartoffelernte auf dem Gewissen. Das ist nicht nur sehr deprimierend, weil all die Arbeit umsonst war, sondern schlicht existenzbedrohend, weil sämtliche Kosten trotzdem entstanden sind und nun kein Ertrag reinkommt. Dankbarkeitsgefühle - im Bezug auf Ernte - kommen da nicht freiwillig auf. Aber diese Abhängigkeit von der Natur hat eine Nebenwirkung: Gottvertrauen entsteht.
Spannenderweise haben wir 2025 um diese Zeit wegen dem Hallenbau viel rechnen müssen und mit der Bank verhandelt. Thomas hat dann diesen Geldschein gefunden, mit dem eine Kundin aus Seligenstadt im Hofladen eingekauft hatte. Dieser Schein - versehen mit dem kleinen Wörtchen „Gottvertrauen“ - hat uns seither Mut gemacht, an unserem Gottvertrauen festzuhalten – auch wenn´s finanziell arg eng ist. Danke!
In diesem Vertrauen, machen wir weiter.
An Erntedank geht es darum, zu feiern, was man hat! Nicht, was man nicht hat. Wir feiern also, dass wir trotz aller Widrigkeiten einiges ernten konnten und können werden, dass wir ein gutes Miteinander im Betrieb haben und tolle Kollegen und Mitstreiter, dass wir viele überzeugte Kunden bedienen dürfen - teilweise schon 25-30 Jahre lang!, dass unsere neue Halle nun bald fertig wird und bezogen werden kann, dass wir mit dem neue Brunnen für die Zukunft besser gewappnet sind, dass die Metzgerei auf Hofgut Patershausen endlich ihre dauerhafte Genehmigung bekommen hat, unsere Marktstände bei Theo Bloem in besten Händen sind und unser Lieferservice den Leitungswechsel sehr gut gestemmt hat,… Wenn man da mal anfängt! Gerne dürften alle mit uns am 04.Oktober bei uns in Oberissigheim vorm Hofladen mit uns einen Erntedank-Gottesdienst feiern! Gestaltet wird er von der Christlichen Gemeinschaft Oberissigheim. Danach gibt es für Jung und Alt an verschiedenen Stationen die Möglichkeit, sich u.a. mit Ernte & Dank zu beschäftigen. Es darf gerne Fingerfood für ein buntes Buffet mitgebracht werden. Wir nehmen auch haltbare Lebensmittelspenden für die Issigheimer Essensbank entgegen.
Erntedank-Gottesdienst
04.10.2026 10.30 UhrWir feiern Entedank
... gerade weil in diesem besonderen Jahr keine Ernte selbstverständlich ist.
Wir beginnen mit einem Gottesdienst. Zum anschließenden Meet & Eat auf der Wiese sind alle herzliche eingeladen. Es darf gerne Fingerfood mitgebracht werden für ein schönes buntes Buffet. Für Getränke und Sitzgelegenheiten wird gesorgt. An verschiedenen Stationen gibt es die Möglichkeit, sich u.a. mit Ernte & Dank zu beschäftigen - auch für Kinder. Gerne nehmen wir haltbare Lebensmittelspenden für die Issigheimer Essensbank entgegen. (Info´s dazu unter ev-kirche-issigheim.de). Wir freuen uns auf ein schönes Erntedankfest mit euch!
Christliche Gemeinschaft Oberissigheim und Familie Zell (Ackerlei)
Danke für 30 Jahre Ackerlei!
Hach, plötzlich fühlt sich das Jahr 2026 etwas leichter an 😊
Bis Sonntag,
Rebekka Zell für das Ackerlei-Team