Unfassbar: Der Kosmos unter unseren Füßen
Hoffnungsgeschichten 8.0
Wie so oft im Leben schenkt man den Dingen, die uns am nächsten sind, wenig Aufmerksamkeit. Sie sind selbstverständlich da. Sie funktionieren, wie die Luft zum Atmen. Zu ihnen gehört sicherlich auch der Boden, auf und von dem wir leben.
Wie so oft im Leben schenkt man den Dingen, die uns am nächsten sind, wenig Aufmerksamkeit. Sie sind selbstverständlich da. Sie funktionieren, wie die Luft zum Atmen. Zu ihnen gehört sicherlich auch der Boden, auf und von dem wir leben. Er ist unser aller Grundlage - und bestenfalls höchst lebendig und quietsch fidel. Diese Underground-Lebensgemeinschaft zu erklären, ist herausfordernd, da es sich um astronomische Dimensionen handelt - unvorstellbar und unfassbar. Hier ein Versuch, die Größenordnung darzustellen: Man nehme einen Teelöffel Erde … auf ihm finden eine Million Bakterien, 120.000 Pilze und 25.000 Algen ein Zuhause. Oder einen Kubikmeter gesunden, fruchtbaren Boden plus aufliegender Streuschicht, er beherbergt π mal Daumen: 30 Hundertfüßer, 30 Asseln, 50 Spinnen, 50 Schnecken, 100 Zweiflüglerlarven, 100 Käfer und ihre Larven, 100 Doppelfüßer, 100 Regenwürmer, 10.000 Rädertierchen, 30.000 Weißwürmer, 50.000 Springschwänze, 70.000 Milben, 1 Million Fadenwürmer, 1 Million Wimpertierchen, 10 Millionen Wurzelfüßer, 100 Millionen Geißeltierchen, 100 Millionen Algen, 10 Billionen Strahlentierchen, 100 Billionen Bakterien und 100 Billiarden Pilze. Es leben also geschätzte 15 Tonnen Lebewesen in einem Hektar durchwurzelbaren Bodens. Das entspricht etwa 20 Kühen* oder 230 Alpakas! 90% von diesem ganzen Kosmos unter unseren Füßen sind noch nicht ansatzweise erforscht. Was bisher bekannt ist, ist worauf das Netzwerk dort unter uns hinarbeitet: auf die Produktion von Humus.
Aber was soll das bitte so oberwichtiges sein und warum sollte es uns interessieren?!
Deshalb: Humus ist die Grundlage für alles was oberirdisch wächst, nachdem die Unterwelt das ganze organische, abgestorbene Material „in die Hand“ genommen und in unzähligen Durchgängen abgebaut, umgebaut und wieder anders aufgebaut hat. Dieser Prozess ist lebendig und bringt immer neue Verbindungen zustande, abhängig von den Umständen, wie Material, Witterung, Bodenzustand, pH-Wert, Feuchtigkeit,... Diese Zersetzungsvorgänge setzten wiederum andere Vorgänge im Boden in Gang: die Mineralisierung von wichtigen Pflanzennährstoffen und die Entstehung von Huminstoffen, die dem Boden Struktur geben, Wasser speichern und Nährstoff-Ionen auf Abruf bereithalten.
Dieser kleine, sehr vereinfacht dargestellte Ausflug nach down under dient dem Versuch, die Wichtigkeit des Bodens, als Basis für einen gesunden Lebenskreislauf in unser Bewusstsein zu bringen, der mit all seinen Bewohnern bewahrt und gerettet werden muss. Denn ohne die ganzen Winzlinge geht es nicht! Das lateinische Wort Humus bedeutet „dem Boden nah“ oder auch „Demut“. Demütig zu werden, angesichts dieses unfassbaren Kosmos, ist sicher kein schlechter Anfang und bestimmt eine gute Grundlage für den Betreiber ökologischer Landwirtschaft - egal, ob sie im Blumenkübel auf dem Balkon oder auf ein paar Hektar Ackerland stattfindet.
Am 01.04.1996 haben wir auf 1,5 Hektar Ackerland organisch-biologischen Landbau begonnen, mit dem Auftrag im Gepäck die Schöpfung zu bewahren – soweit es in unserem Einflussbereich liegt. In diesen drei Jahrzehnten ist vieles gewachsen und so leben hoffentlich grob geschätzte 2.250 Tonnen Kleinstlebewesen im Ackerlei-Kosmos! Wie gut, das wir diese ungezählte bunte Vielfalt an zwei– und mehrbeinigen Mitstreiter haben; das gibt Mut und Hoffnung weiterzumachen. Wir sind dankbar, Teil dieses wertvollen Systems sein zu dürfen, jedes Jahr beschenkt zu werden, mit vielen guten Früchten der Zusammenarbeit von unter und auf der Erde und wir hoffen, dass wir noch viele Jahre und nachfolgende Generationen von dem lebendigen Boden unter unseren Füßen existieren können.
Wir wünschen auch Ihnen Mut zu „Humus“ und hoffnungsfrohe Ostern! Ihr Ackerlei-Team
Text und Fotos: Rebekka Zell
*Quelle: Der Mikrokosmos unter unseren Füßen, Drecksarbeit, Dölling und Galitz Verlag